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Nachhaltigkeit von Wertschöpfungssystemen in der Bioökonomie

Der Wirtschaftsstandort Deutschland steht unter dem Einfluss multipler Krisen. Insbesondere durch die Klimakrise und volatile fossile Lieferketten gewinnen lokal verfügbare nachwachsende Ressourcen als Rohstoffbasis zunehmend an Bedeutung, um hierauf aufbauend nachhaltige und krisenfeste Wertschöpfungssysteme zu etablieren.

An dieser Stelle setzt die Bioökonomie als branchenübergreifende Wirtschaftsform an. Laut der Bundesregierung „umfasst die Bioökonomie die Erzeugung, Erschließung und Nutzung biologischer Ressourcen, Prozesse und Systeme, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen“ (BMBF & BMEL, 2020, S. 10). Die nationale Bioökonomiestrategie strebt mithilfe der Bioökonomie eine nachhaltige und klimaneutrale Entwicklung an, die sich in einer kreislauforientierten und auf biologischen Ressourcen beruhenden Wirtschaft äußern soll (BMBF & BMEL, 2020). In der Bioökonomiestrategie der Europäischen Kommission (2018, S. 4) werden biologische Ressourcen und Prozesse in den Mittelpunkt gestellt. Alle Sektoren und Systeme, die auf diese zugreifen, gehören demnach der Bioökonomie an. Insgesamt wird die Bioökonomie als Möglichkeit gesehen, um eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben, durch die nicht erneuerbare Stoffströme ersetzt werden (Beck-O´Brien et al., 2024, S. 12).

Im Verlauf des Projekts NaGeWe-Bio wurde der Begriff Bioökonomie aus der Perspektive der vom Plant3-Bündnis entwickelten Definition betrachtet:

„Bioökonomie beschreibt ein branchenübergreifendes Wirtschaftskonzept basierend auf biogenen Ressourcen (land-, forst- und meereswirtschaftliche Erzeugnisse), biologischen Verfahren und biologischem Wissen. Sie umfasst alle Akteure, Relationen und Prozesse der Erzeugung, Verarbeitung, und weitergehenden Inwertsetzung biogener Ressourcen sowie damit verbundener Dienstleistungen, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Im engeren Sinne strebt Bioökonomie durch die Anwendung wissensbasierter, innovativer Verfahren eine Steigerung der regionalen Wertschöpfung sowie der Nachhaltigkeit der Wirtschaft an. Der damit einhergehende Transformationsprozess wird durch mindestens einen der folgenden Pfade realisiert:

    • Replacement of fossil raw materials with biogenic, renewable raw materials within the scope of their regenerative capacity.
    • Cascade and combined use of biogenic raw materials
    • Increasing biodiversity through diversification of the agricultural, forestry and maritime economy
    • Ecological compatibility of production by saving resources and minimising emissions
    • Förderung der Regionalentwicklung in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht“

Der Fokus liegt demnach auf Entwicklungspfaden, die sowohl die nachhaltige Transformation der Wirtschaft als auch die regionale Wertschöpfung stärken. Im Zuge der NaGeWe-Bio Nachhaltigkeitsbewertung wird genau diese Kombination aus regionalen Wertschöpfungsdynamiken und nachhaltiger Entwicklung untersucht. Hierfür werden die Prozesse in Bioökonomieregionen auf Systemebene anhand des Konzepts bioökonomischer Wertschöpfungssysteme betrachtet.
Wertschöpfungssysteme sind Netzwerke bestehend aus Unternehmen, Organisationen und weiteren Wirtschaftssubjekten, in denen durch Kooperationen und Arbeitsteilung Produkte und Dienstleistungen erstellt werden. Im Kontext der Bioökonomie umfassen diese Netzwerke Aktivitäten, die im Zusammenhang mit dem Anbau biobasierter Rohstoffe und den nachfolgenden Verarbeitungsschritten bis hin zum finalen Produkt und dessen Entsorgung oder Recycling stehen. Hierzu zählen ausdrücklich auch begleitende Dienstleistungen, Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie Wechselwirkungen mit staatlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren.

Um Wertschöpfungssysteme als Untersuchungsgegenstand für die Nachhaltigkeitsbewertung nutzen zu können, müssen sie klar definiert und von ihrer Umgebung abgegrenzt werden. Hierbei eröffnet sich die Möglichkeit, das Wertschöpfungssystem auf Grundlage der eigenen Ziele und Fragestellungen einzugrenzen. Daher wird die letztendliche Definition des Wertschöpfungssystems nicht an dieser Stelle vorgegeben. Im ersten Moduls des Nachhaltigkeitschecks wird stattdessen in Form von Systemgrenzen erläutert, wie das jeweils relevante Wertschöpfungssystem für die jeweilige Bioökonomieregion zugeschnitten werden kann.

Die hier beschriebene Perspektive auf bioökonomische Wertschöpfungssysteme wurde im Dialog mit Akteuren aus der (Bioökonomie-)Region Vorpommern in Kombination mit einer Literaturrecherche entwickelt. Eine detailliertere Beschreibung der Vorgehensweise erfolgt im Kapitel „Dokumentation der Entwicklung des Nachhaltigkeitschecks“.

 

 

Die Nachhaltigkeit bioökonomischer Wertschöpfungssysteme ist von Interesse, da sich durch diese Betrachtungsweise Entwicklungsoptionen identifizieren lassen, die Konflikte mit sozialen, ökologischen und ökonomischen Interessen auf ein Minimum reduzieren. Im Rahmen des Projekts NaGeWe-Bio wurde ein Kriterienkatalog entwickelt und erprobt, der eine Nachhaltigkeitsbewertung bioökonomischer Wertschöpfungssysteme ermöglicht. Der Katalog ist das Ergebnis einer Recherchephase in der Expert*innen-Interviews geführt wurden und bestehende Ansätze für die Nachhaltigkeitsbewertung von Unternehmen und Wertschöpfungssystemen ausgewertet wurden. Die identifizierten Nachhaltigkeitskriterien sind den drei Nachhaltigkeitsdimensionen zugeordnet, die in diesem Leitfaden aus der Perspektive bioökonomischer Wertschöpfungssysteme betrachtet werden:

  • Die soziale Nachhaltigkeit beschreibt den Beitrag von bioökonomischen Wertschöpfungssystemen zur langfristigen Sicherung und Verbesserung von Lebensqualität und der Einbindung regionaler und gesellschaftlicher Akteure in Entscheidungsprozesse.
  • Die ökologische Nachhaltigkeit beschreibt den Beitrag von bioökonomischen Wertschöpfungssystemen zur langfristigen Erhaltung und Wiederinstandsetzung von Ökosystemen sowie zu einer Nutzung von biologischen Ressourcen im Einklang mit den planetaren Grenzen.
  • Die ökonomische Nachhaltigkeit beschreibt den Beitrag von bioökonomischen Wertschöpfungssystemen zur langfristigen Wettbewerbs- und Anpassungsfähigkeit der hierzugehörigen Geschäftsmodelle.

 

 

Die Bioökonomie wird als Möglichkeit gesehen Wertschöpfungsstufen in die meist ländlichen Regionen zu verlagern, in denen die Biomasse angebaut wird. Auf diese Weise können sich landwirtschaftlich geprägte Regionen durch die Ansiedlung von Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, Zulieferern und einer begleitenden Dienstleistungs- und Forschungslandschaft zu Bioökonomieregionen entwickeln. Der zugrundeliegende Prozess ist Treiber eines regionalen Strukturwandels in den betroffenen Regionen.

Ein regionaler Strukturwandel ist gekennzeichnet durch die langfristige Veränderung der Wirtschaftsweise und sozialen Bedingungen in einer Region. Auslöser können zum Beispiel Krisen, neue Technologien, demographische Veränderungen oder politische Zielsetzungen sein. In deren Folge verändert sich die Bedeutung einzelner Branchen, wodurch es zu neuen Beschäftigungsstrukturen kommt. Um den regionalen Strukturwandel im Hinblick auf nachhaltige Entwicklungen in Bioökonomieregionen zu betrachten, wurden drei Querschnittsthemen identifiziert, die in enger Beziehung zu den Nachhaltigkeitsdimensionen stehen, jedoch nicht klar einer der drei Dimensionen zugeordnet werden können:

  • Unter Regionalität & Strukturwandel werden Aktivitäten und Faktoren zusammengefasst, die den Aufbau, die Weiterentwicklung und die Skalierung von bioökonomischen Wertschöpfungsstrukturen in der Region unterstützen. Im Fokus der Untersuchung stehen hierbei insbesondere die sozialen Implikationen des regionalen Strukturwandels, die sich aus der räumlichen und organisatorischen Verortung von Schaffung, Aneignung und Verteilung der durch die Bioökonomie entstehenden ökonomischen Werte ergeben.
  • Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Systemen, unter dem Einfluss von Veränderungen wie Krisen oder langfristigen Trends entweder den Status quo aufrechtzuerhalten, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen oder transformative Prozesse einzuleiten, sobald das ursprüngliche System untragbar wird. Im Hinblick auf den regionalen Strukturwandel stellt sich die Frage, ob dieser zu einer gesteigerten Resilienz von Wertschöpfungsstrukturen führt. Teilweise ist für die Aufrechterhaltung der Resilienz ein hoher Ressourcenaufwand notwendig, wodurch die neu entstehenden Systeme nicht zwingend nachhaltiger sind. Daher ist für die Untersuchung besonders relevant, inwiefern es zu Zielkonflikten zwischen Resilienz und Nachhaltigkeitszielen kommt.
  • Governance beschreibt die Mechanismen und Praktiken mit denen Entscheidungen in Netzwerken, Unternehmen und anderen Organisationen sowie den verschiedenen staatlichen Ebenen gesteuert werden. Die Kenntnis dieser Praktiken ist wichtig, um Interessen diverser Gruppen in Entscheidungsprozesse einzubringen und gesellschaftliche Probleme zu lösen. Durch die Untersuchung der Governance von Wertschöpfungssystemen können Machtstrukturen aufgedeckt werden. Auf diese Weise können Schlüsselakteure identifiziert werden, die den regionalen Strukturwandel und den Transformationsprozess hin zur Bioökonomie gestalten oder blockieren.