1. Allgemeine Informationen
  2. Dokumentation der Entwicklung des Nachhaltigkeitschecks

Dokumentation der Entwicklung des Nachhaltigkeitschecks

Die Entwicklung des Nachhaltigkeitschecks erfolgte unter Nutzung der im Folgenden dargestellten Methoden schwerpunktmäßig in den Jahren 2024 und 2025. Zunächst wurden vorhandene branchenübergreifende und branchenspezifische Ansätze für die Nachhaltigkeitsbewertung auf Ebene von Unternehmen und Wertschöpfungssystemen durch eine Literatur- und Desk-Recherche identifiziert. Insgesamt wurden hierbei über 70 branchenübergreifende Bewertungssysteme der Nachhaltigkeit erfasst. Darauf aufbauend wurde ein Kriterienkatalog entwickelt, der die bestehenden Bewertungsansätze den jeweiligen Nachhaltigkeitsdimensionen (ökologisch, ökonomisch, sozial) zuordnet und gleichzeitig feststellt, ob ein Bezug zu Wertschöpfungssystemen oder Geschäftsmodellen der Bioökonomie besteht.

Im nächsten Arbeitsschritt wurde eine umfassende Recherche zu den zuvor identifizierten Ansätzen der Nachhaltigkeitsbewertung durchgeführt. Der inhaltliche Fokus lag in der Erfassung der Methoden, Standards, möglichen Zertifizierungen sowie Kriterien und Indikatoren der jeweiligen Ansätze. Begleitend hierzu fand in Form von Expert*innen-Interviews ein Austausch über bestehende Bewertungssysteme statt. Insgesamt wurden sieben Interviews zur Nachhaltigkeitsbewertung in der Bioökonomie, sowie weitere neun Interviews mit Trägern bestehender Bewertungssysteme geführt.

Die Ergebnisse der zuvor erfolgten Arbeitsschritte wurden schließlich genutzt, um den Kriterienkatalog weiterzuentwickeln und zu befüllen. Der Kriterienkatalog ist unterteilt in die ökologische, ökonomische, soziale und eine übergeordnete Nachhaltigkeitsdimension und setzt sich aus (i) einem SDG-Bezug, (ii) Spezifika der Bioökonomie, (iii) Wirkungskanälen für den regionalen Strukturwandel und (iv) technisch-organisatorischen Aspekten der betrachteten Ansätze zusammen. Eine Dokumentation der Ergebnisse, insbesondere der identifizierten Ansätze der Nachhaltigkeitsbewertung, wurde für die weitere Nutzung durch Dritte auf der Projekt-Website in tabellarischer Form zum Download zur Verfügung gestellt.

Der zuvor erstellte und befüllte Kriterienkatalog wurde hinsichtlich der Eignung und Übertragbarkeit der einzelnen Prüfkriterien auf die Bioökonomie bewertet. Hierbei wurde eine Aufteilung des Katalogs auf die Ebenen „Geschäftsmodelle“ und „Wertschöpfungssysteme“ der Bioökonomie durchgeführt. Zur Erfassung der regionalen Anforderungen an Nachhaltigkeitschecks wurden Interviews mit Akteuren aus Bayern, Rhein-Neckar und Mitteldeutschland als Beispielregionen der Bioökonomie geführt. In den Gesprächen kristallisierte sich einerseits die Notwendigkeit heraus, Systemgrenzen klar zu definieren. Andererseits wurde die Vernachlässigung ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit und Datenlücken als bestehende Problemfelder für regionale Indikatoren herausgearbeitet. Unter Beachtung dieser Herausforderungen wurde die regionale Perspektive als Bewertungsmaßstab in den Katalog eingebaut. Die Kriterien wurden zusätzlich weiterentwickelt, um eine Bewertung des Einflusses von bioökonomischen Geschäftsmodellen und Wertschöpfungssystemen auf den regionalen Strukturwandel zu ermöglichen. Dieser Prozess wurde erneut durch eine Literaturrecherche begleitet.

Um eine finale Gesamtbewertung der identifizierten bestehenden Bewertungsansätze vorzunehmen, wurde eine Stärken-Schwächen-Analyse von 35 Bewertungssystemen durchgeführt. Die Einschätzungen stützten sich hierbei auf die Literaturrecherche sowie den Austausch mit Trägern bestehender Bewertungssysteme.

Als finalen Schritt vor dem Beginn der Nachhaltigkeitscheck-Entwicklung wurden basierend auf allen zuvor durchgeführten Aktivitäten Empfehlungen für einen Nachhaltigkeitscheck abgeleitet. Um die bereits erlangten Erkenntnisse zu verifizieren und frühzeitig Bedarfe aus der Region zu identifizieren wurden 19 weitere Interviews mit Expert*innen aus den Bereichen Forschung, Wirtschaft und intermediäre Organisationen aus der Region des nordöstlichen Mecklenburg-Vorpommerns geführt. In den Gesprächen ging es vorwiegend um den Nutzen von Bewertungssystemen der Nachhaltigkeit für die Region, die Anforderungen an das Bewertungssystem, Anwendungswünsche, die Bedeutung von Zertifizierungen sowie die erwartete zukünftige Wichtigkeit von Bewertungssystemen der Nachhaltigkeit.

Auf Basis der Ergebnisse wurde ein erster eigener Entwurf eines Nachhaltigkeitschecks für den regionalen Strukturwandel durch die Bioökonomie erstellt. Dieser umfasste die Definition und Auswahl geeigneter Indikatoren sowie relevanter Datenquellen, die Entwicklung von Checklisten und Auswertungsinstrumenten, die Prüfung der Datenverfügbarkeit und Messbarkeit sowie die Festlegung von Gewichtungsansätzen. Darüber hinaus wurden bestehende Bewertungssysteme analysiert und für den regionalen Anwendungsfall angepasst, regionale Wirkmechanismen abgegrenzt und die Anlehnung an EU-Taxonomie, European Sustainability Reporting Standards (ESRS) und die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) berücksichtigt.

Im Rahmen eines Explorations-Workshops mit regionalen Nachhaltigkeitsexpert*innen wurde dieser Entwurf diskutiert, reflektiert und nächste Schritte für die Weiterentwicklung daraus abgeleitet. Am Workshop nahmen Wirtschafts- und Industriepartner*innen, Wirtschaftsförderer*innen, Regionalentwickler*innen und Manager*innen von Bioökonomie-Clustern teil, die Hinweise für die Praxistauglichkeit und Verbesserung des Nachhaltigkeitschecks gaben.

In den nächsten Schritten wurde der Nachhaltigkeitscheck mehrfach überarbeitet und hinsichtlich der Datenerhebung, Messbarkeit und Relevanz der identifizierten Kriterien und Indikatoren bewertet. Indikatoren wurden als Fragen formuliert, Datenquellen und -verfügbarkeit sowie Messbarkeit für jeden einzelnen Indikator definiert, Messbarkeit aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet (Eigenbewertung/Selbst-Check und Fremdbewertung, durch Berater*innen) sowie die Gewichtung angewendet (Gewichtung der Indikatoren zueinander, um Zielkonflikte aufzulösen, regionale Aspekte und Unternehmenskategorien zu berücksichtigen). Durch diese Überprüfung sowie die Zusammenfassung von mehreren Indikatoren wurde der Check von über 300 auf 175 und in einem späteren Schritt auf 110 Indikatoren reduziert. Einige der Indikatoren sind auf Geschäftsmodelle und Wertschöpfungssysteme anwendbar, andere hingegen ausschließlich auf eine der beiden Ebenen. Es folgte eine Kategorisierung der Indikatoren nach Nachhaltigkeitskriterien sowie übergeordneten Kategorien und Unterkategorien.

Im weiteren Verlauf wurden Fragestellungen zur Bewertung der Indikatoren formuliert sowie Methoden zur Datenerhebung und Bewertungsschemata definiert. Daraus resultierte durch unterschiedliche Erhebungs- und Bewertungsansätze eine Aufteilung des Nachhaltigkeitschecks auf eine Geschäftsmodell- und eine Wertschöpfungssystembewertung.

Im Check für Geschäftsmodelle wird das Wertschöpfungspotenzial eines Unternehmens im Hinblick auf seine Fähigkeit untersucht, wirtschaftliche Erträge zu erzielen und gleichzeitig ökologische sowie soziale Ziele zu verfolgen. Das Modul für Geschäftsmodelle kann unter https://biooekonomie.uni-greifswald.de/project/geschaeftsmodelle mithilfe eines Online-Fragebogens eingesehen und bearbeitet werden. Das Modul kann eine sinnvolle Ergänzung zum Wertschöpfungssystemcheck sein, um die Nachhaltigkeit einzelner Geschäftsmodelle zu untersuchen und im Anschluss wieder im Wertschöpfungssystem zu verorten.

In diesem Leitfaden wird nachfolgend ausschließlich der Check für Wertschöpfungssysteme beschrieben. Hierbei wird die Nachhaltigkeit ganzer Netzwerke bestehend aus Unternehmen und Organisationen im Dialog mit regionalen und überregionalen Akteuren aus Wirtschaft, Verwaltung und Forschung erfasst. Das Ziel dieses Ansatzes ist es, Handlungsoptionen und Fokusbereiche aufzuzeigen, mit deren Hilfe der nachhaltige Strukturwandel durch regionale bioökonomische Wertschöpfungssysteme erfasst und ausgebaut werden kann. Der Prototyp zur Erprobung des Nachhaltigkeitschecks für Wertschöpfungssysteme setzt sich aus einer Auswahl von Indikatoren aus dem entwickelten Kriterienkatalog zusammen, welche mithilfe einer umfassenden Datenrecherche sowie Umfragen und Interviews erfasst werden sollen.

Bei Bedarf können die identifizierten Fokusbereiche aus der Wertschöpfungssystemanalyse mithilfe des Nachhaltigkeitschecks für Geschäftsmodelle aus einer einzelbetrieblichen Perspektive betrachtet werden. Diese Kombination aus Wertschöpfungssystems- und Geschäftsmodellperspektive müsste eine ganzheitliche Analyse der Nachhaltigkeit von Prozessen und Strukturen in Bioökonomieregionen ermöglichen.

Die Erprobung des NaGeWe-Bio-Nachhaltigkeitschecks für bioökonomische Wertschöpfungssysteme erfolgte in Form von zwölf halbstrukturierten Gruppen- und Einzelinterviews mit Bioökonomie-Expert*innen aus Wirtschaft, Verwaltung und Forschung im Zeitraum von Mai bis August 2025. Die Interviews wurden mit dem Ziel geführt, Praxiswissen zu integrieren, Indikatoren für die Dimensionen Ökologie, Ökonomie, Soziales und Governance zu prüfen sowie regionale Transformationspfade der Bioökonomie zu identifizieren. Im Zuge der Erprobung wurde somit nicht der Prototyp des Nachhaltigkeitschecks für bioökonomische Wertschöpfungssysteme angewandt, sondern der bisherige Arbeitsstand im Austausch mit potenziellen Anwender*innen und Akteuren aus den Wertschöpfungssystemen diskutiert und weiterentwickelt. Dieses Format wurde ausgewählt, um möglichst viele Hinweise auf Anpassungsnotwendigkeiten und Verbesserungsmöglichkeiten für den Prototypen aus der Praxis zu integrieren.

Im Unterschied zu einzelbetrieblichen Geschäftsmodellen ist außerdem zu beachten, dass nicht eine Person oder ein Akteur alleine einen vollständigen Überblick über das Wertschöpfungssystem geben kann. Es ist immer ein multiperspektivisches und auf verschiedenen Quellen und Akteuren beruhendes Vorgehen notwendig.

Der Nachhaltigkeitscheck wurden anhand der vier Fokusfelder des Plant3-Bündnisses als zugrunde liegende Wertschöpfungssysteme erprobt. Somit wurden folgende Wertschöpfungssysteme betrachtet und im Zuge der Interviews diskutiert:

  • Baumaterialien
  • Lebens-, Nahrungsergänzungs- und Futtermittel
  • Biokunststoffe und Verpackungen
  • Feinchemikalien und Phytopharmaka

Hierdurch wird das Projekt NaGeWe-Bio seiner Aufgabe gerecht, ein Instrumentarium zu entwickeln, mit dem bestehende und zukünftige Stoßrichtungen des Bündnisses bewertet und entsprechend ihrer Bedeutung für Strukturwandel und Nachhaltigkeit priorisiert werden können. Gleichzeitig sichert die Vielfalt der betrachteten Ansätze die grundsätzliche Übertragbarkeit des Instrumentariums auf andere Regionen und Wertschöpfungssysteme ab.

Die Ergebnisse und Optimierungshinweise aus den Interviews wurden im Anschluss mittels einer thematische Inhaltsanalyse in sechs Themencluster zusammengefasst:

  1. Strategische Steuerung & Netzwerk-Governance: Fehlende verbindliche Bewertungsgrundlage für Beirat/Projektbewilligung (Plant³); Bedarf an prognostischen Indikatoren.
  2. Regionale Wertschöpfung & Ressourcenmanagement: Defizit bei Verarbeitung biogener Reststoffe in Mecklenburg-Vorpommern; Bedarf an erster Verarbeitungsstufe von Biomasse zur Sicherung regionaler Wertschöpfung.
  3. Kriterien für Indikatoren & Bewertungslogik: Regionale Identität, Ressourceneffizienz, Arbeitsplatzqualität, Innovationsfähigkeit; Gewichtung nach Unternehmensgröße.
  4. One Health / Gesundheitswirtschaft: Bioökonomie als Beitrag zu einer ‚gesundheitsfördernden Region‘ verstehen; Verbindung Umwelt- und Humanbiologie in Indikatoren herstellen.
  5. KMU- und Investorenperspektive: Mangel an praktischen Tools zur Selbstbewertung; Vorschlag: modularer Aufbau des Checks.
  6. Rahmenbedingungen & Politik: Fehlende institutionelle Zuständigkeit; Bedarf an abgestimmter Bioökonomie-Strategie für Mecklenburg-Vorpommern über Ministerien hinweg.

Im Laufe der Erprobung des Wertschöpfungssystem-Moduls wurde klar, dass es die Umsetzbarkeit der notwendigen Datenrecherchen und Umfragen voraussetzungsvoll ist. Die benötigen Daten sind zu einem Großteil eigenständig zu erheben, da keine bestehenden Datenbanken identifiziert werden konnten, die den benötigten Anforderungen an räumliche Auflösung und Differenzierbarkeit innerhalb von Wertschöpfungssystemen gerecht werden. Es ist zwar grundlegend möglich die benötigte Datenbasis durch umfangreiche eigene Erhebungen und Umfragen zu erstellen, jedoch fehlen der Zielgruppe, die das Bewertungsmodul in Zukunft anwenden wird, hierfür häufig die zeitlichen und finanziellen Kapazitäten. Um die Praxistauglichkeit des Checks zu gewährleisten und den Anforderungen der Zielgruppe gerecht zu werden, musste der Ansatz zur Datenerhebung daher auf Basis der Erprobung grundlegend überarbeitet werden.

Als Ergebnis der Überarbeitungsphase wurde aus dem ursprünglich angedachten quantitativen Bewertungsscore für die Nachhaltigkeit von bioökonomischen Wertschöpfungssystemen ein modulares System für Beratungs- und Dialogprozesse entwickelt. Ziel dieser Prozesse ist es, Wege, Handlungsoptionen und Fokusbereiche aufzuzeigen, um den nachhaltigen Strukturwandel durch regionale bioökonomische Wertschöpfungssysteme zu erfassen, zu bewerten und auszubauen. Die Vorgehensweise des neu entwickelten Systems setzt sich aus den folgenden Modulen zusammen:

  • Modul 1: Eingrenzung und Erfassung des Wertschöpfungssystems
  • Modul 2: Datenerhebung
  • Modul 3: Auswertung und Bewertung
  • Modul 4: Aufbereitung und Transfer der Ergebnisse